Für den Blog des Theaterhauses Jena entstanden die nachfolgenden vier Kurzbeiträge mit Hintergrund-Infos zum Stück.

Veröffentlicht wurden sie als "Meyers SCHWARZER KOMET-Lexikon I-IV"

 





Meyers SCHWARZER KOMET-Lexikon I:

DAS GROßE PUPPENSTERBEN

... das Ding mit den Puppen haben wir uns bei Richard Calder ausgeliehen, der sich seinerseits in seinem Sci-Fi-Roman „Tote Mädchen" recht ungeniert bei „Bladerunner" und „Matrix" bedient hat. Dabei sind die Puppen adaptiert, auf unsere Zwecke hin. Schon in „Black Face: Die Villa" gefiel uns die Vorstellung einer nächsten Art, die irgendwann das Menschengeschlecht verdrängen wird.

In der Villa Rosenthal spricht Ophelia am Teich über diese mögliche Zukunft: "Was die Puppen angeht: Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Unterschied macht, ob Viktor sie im Garten verbrennt oder nicht. Es ist ohnehin nur der Fruchtkörper, der da in Flammen aufgeht, so wie Pilze nur der Fruchtkörper eines Organismus sind, der sich unterirdisch über Dutzende von Hektaren ausbreiten kann. Professor Haeckel nennt den Menschen die Vervollkommnung einer Welt, die sich naturgemäß immer weiter Richtung Gutes und Schönes hin bewegt, aber ich denke, er weiß selbst, dass das so nicht zutrifft. Der Mensch, überhaupt die ganze Tierwelt, ist eine Aberration. Die Zukunft gehört den Pilzgewächsen, diesen menschähnlichen Fruchtkörpern, diesen - Puppen, und dem rhizomatischen Geflecht, das sie hervorbringt."

In „Der schwarze Komet" sind alle Puppen eingegangen, besiegt durch einen Virus, der ihre Pilzmutter lahm gelegt hat. Einzig Eva, „die letzte ihrer Art", hat überlebt. Das Mädchen mit dem rubinbedeckten Bauchnabel, in dem sich die Tiefenstruktur des Universums offenbart, kann natürlich einiges mehr als tanzen und singen. Gustav Schott, ihrem Chef, reichen Evas Varieté-tauglichen Fähigkeiten vorerst vollkommen. ‚Schließ die Augen und denk an Jenny Lind', sagt er sich vielleicht. Mit der „schwedischen Nachtigall" machte der legendäre Varieté-Unternehmer P.T. Barnum einst Millionen...

 

Meyers SCHWARZER KOMET-Lexikon II:

EINE WAGNER-OPER IN 10 MINUTEN

Eine Besonderheit der früheren Varieté-Shows war die Kurzfassung von besonders angesagten Opern. (Wie so vieles, was das Macherteam von „Der schwarze Komet" im Zuge seiner Recherchen über vergangene Unterhaltungsindustrien gelernt hat, stammt auch diese Information aus Trav S. D.s Buch über Vaudeville und Varieté, „No Applause - Just Throw Money".) Tatsächlich traten nicht wenige Sänger aus der „richtigen" Oper nebenbei auf Varietäten-Bühnen auf, zweifellos in erster Linie um des Geldes willen. Gut möglich, dass sie dort in solchen Kurzfassungen mitgewirkt haben, Arien, die sie abends auf der Opernbühne zum Besten gaben, nachmittags dem Varieté-Publikum vortrugen. Unsere Zehn-Minuten-Version von Richard Wagners „Der fliegende Holländer" ist mithin eine Hommage an eine altbewährte Varieté-Tradition. Dem Musiker Felix Huber, der die Kürzung in Angriff nahm, war das kein Trost. Der Mann mag den „Fliegenden Holländer". Noch vor zwei Tagen erwischten wir ihn dabei, wie er mehreren Gesangs-Zeilen nachtrauerte, die radikalen Nachkürzungen zum Opfer gefallen waren. Vergebens. Für mehr Wagner bleibt unserem „Kometen" schlicht keine Zeit. The Show must go on!
 

Meyers SCHWARZER KOMET-Lexikon III:

WALTER GRUNDMANN ENTJUDET DIE BIBEL

Walter Grundmann, der ab 1939 an der Universität Jena - ohne je habilitiert zu haben - einen Lehrstuhl für „völkische Theologie" innehielt, war maßgeblicher Mitbegründer des „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben". Ihre Hauptaufgabe sah die Einrichtung (mit Sitz in Eisenach) in der Herausgabe eines von allem Judäischen bereinigten Evangeliums, die 1941 auch erschien. Das Unterfangen an sich war nicht originell: Ein früher Anlauf, die Spuren des Judentums aus dem Christentum zu tilgen, unternahm bereits im 2. Jahrhundert der Theologe Marcion, der zu diesem Zweck die Existenz eines zweiten Gottes proklamierte. Der Kirchenobrigkeit ging das zu weit, im Jahr 144 wurde Marcion exkommuniziert. Das über Jahrhunderte tradierte „Toledot Jeschu" wiederum, eine satirische Sagensammlung aus dem 8. Jahrhundert, weist Jesus Christus als illegitimen Sohn eines römischen Soldaten aus, der mit Zauberei und Wunderheilungen das Volk verführt, bis Judas ihn der Gerichtsbarkeit übergibt. (Hier waren es jüdische Erzähler aus dem italienischen Raum, die die christliche Messias-Geschichte „entjudeten".) In „Der schwarze Komet" wiederum behauptet Semiramis, ihr Onkel Alois aus Jena habe Grundmanns bereinigte Bibel geschrieben; Alois, selbst Jude, sei dann nach China ausgewandert. Die Geschichte ist erfunden, wir bieten sie an im Geiste des großen Dramatikers Georges Tabori („Mein Kampf"), dem der Gedanke zweifellos gefallen hätte, nur ein Jude könne die Evangelien glaubhaft „entjuden".

 

Meyers SCHWARZER KOMET-Lexikon IV:

GUT GEKLAUT IST VARIETÉ!

„Im Varieté entscheidet das massenhafte Publikum. Hier herrscht Demographie!", hält Varietédirektor Samuel Meyer in „Black Face: Die Villa" den Zensurbestrebungen des Theaterpolizisten Gustav Schott entgegen. In der Praxis bedeutete dies: Gut geklaut ist halb gewonnen: Beliebte Nummern verbreiteten sich einst in Windeseile um den halben Erdball. - Auch wir haben uns für den „Schwarzen Kometen" bei älteren Meistern bedient, so bei Wilson, Keppel und Betty, die Mitte des letzten Jahrhunderts in britischen Music Halls mit ihren „ägyptischen Tänzen" Furore machten. Die Kunst, die Miete kleinzurechnen, geht auf eine Nummer des erfolgreichen amerikanischen Komiker-Duos Bud Abbott und Lou Costello aus den 1940er und 50er Jahren zurück, ebenso wie der ständig unterbrochene Versuch, einen Witz über Jonas und den Wal zu erzählen. (All das findet sich bei Youtube). Und Evas Tanz als lebende Blume! Sein Vorbild ist Loie Fullers „Danse Serpentine", den die Brüder Lumière 1896 auf Zelluloid bannten. Ohne die Kostümbildnerin Veronika Bleffert, die in langwierigen Studien ertüftelt hat, wie und aus welchen Materialien das dafür unabdingbare Wolkenkleid geschnitten sein könnte, hätten wir diesen Tanz-Auftritt in „Der schwarze Komet" nie realisieren können.