DIE FIKTION

 

"Die Biber sind verschwunden. Der Wilde Westen ist tot. Die Welt ist geschrumpft."
(Samuel Meier)

"What am I doing here? I don't belong here."
(Kojote Kurt)


Als 1925 der Alhambra-Saloon in Tombstone Arizona wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, machten Arbeiter eine erstaunliche Entdeckung. Hinter der Holzvertäfelung der Wände fand sich eine flache Metallkassette mit einem Bündel gut erhaltener Papiere, die sich bei näherer Untersuchung als die nachgelassenen Schriften von Doc Holliday, des legendären Zahnarzts, Spielers und Revolverhelden herausstellten. Neben Schuldscheinen, Opiumrezepturen und einer kleinen Sammlung von Herrenwitzen hinterließ Holliday auch ein kurzes philosophisches Traktat mit dem Titel "Die Welt hinter der Welt. Vom Auffinden des Unauffindbaren." Er gab darin seiner Überzeugung Ausdruck, daß sich hinter der für uns sichtbaren Welt weitere Welten verbergen, deren Wesen unsere Wirklichkeit beeinflußten und infolgedessen als Verkörperungen einer höheren (und zeitloseren) Wahrheit gesehen werden könnten. "In einer Welt hinter der Welt", schreibt Holliday, "lebt der Westen fort. Dort werden wir die reine Essenz all dessen finden, was uns im Diesseits abhanden gekommen ist." Holliday hatte seine letzten Jahre, in denen er zunehmend von Lungenkrankheit und Melancholieanfällen geplagt wurde, darauf verwandt, den Zugang zu dieser Welt hinter der Welt zu suchen, und es gibt Hinweise darauf, daß er ihn kurz vor seinem Tod auch gefunden hat. Leider hinterließ er keine Angaben, wo sich dieses Portal in den anderen Westen, in die wahre Prärie befindet.

Die Entdeckung von Doc Hollidays Traktat führte jedoch 1926 zur Gründung der Mesmeric Society Tombstone durch seinen Großneffen Butch Holliday. Seither findet alljährlich eine Zusammenkunft statt, bei der die Mesmeric Society Tombstone mittels Ritualen und Forschungsberichten die Suche nach Doc Hollidays legendärem Portal (zuweilen spricht er auch von einer "Schleuse") fortsetzt. Das diesjährige Treffen wird im RE_puplic Camp abgehalten, seine Teilnehmerzahl ist wie immer auf eine Primzahl beschränkt, heuer die Zahl Dreizehn. Der kleine Kreis am Feldkongress erklärt sich durch die Abwesenheit einiger langjähriger Mitglieder, die in die laufende Produktion des Mysterienspiels PRÄRIEPRIESTER eingebunden sind.

Immer schon nutzte die Tombstone Mesmeric Society unterschiedlichste Techniken, mit den Gefährten in der Welt hinter der Welt Kontakt aufzunehmen. Seit einiger Zeit steht das Medium des Radios, bzw. der Tonbandstimmenforschung im Zentrum ihrer Bemühungen. Es ist bekannt, daß jede neue Technologie nicht nur ein kommerzielles Potential, sondern auch ihre eigene Öffnung für unerklärte Phänomene hervorbringt. Zur Fotografie gehören Erscheinungen auf unbelichteten Platten, die Telegrafie hat Morse-Klopfgeister mit sich gebracht, auf Schallplatten gibt es rückwärts abzuspielende Botschaften. Und vor allem gehören, seit den bahnbrechenden Experimenten Friedrich Jürgensens von 1959, die sogenannten Geister- oder Tonbandstimmen, die im weißen Rauschen des Radios mittels Tonband aufgenommen und abgehört werden, zum anerkannten Medium für Fragen, die die Welten hinter der Welt betreffen. Die Ergebnisse bislang waren ermutigend, wenngleich leider ergebnislos für die zentrale Frage, die die Society bewegt, die Frage nach dem Weg nach Hause. Die Geister erwiesen sich zwar als zugänglich, ja ausgelassen, ihre Angaben waren aber nicht immer aufschlussreich.

Die Tombstone Society steht in der Tradition der letzten Pioniere, der Reiter in unkartographierten Räumen, in Gebieten, "where no man has gone before". Daran arbeiten wir, darauf hoffen wir, und dafür werden wir auch dieses Jahr über radiophone Kommunikationskanäle den Beistand der Gefährten in der Welt hinter der Welt erbitten.