Was ist die Roadshow?

Bartleby würde ja lieber auf seinem Berg in Thüringen bleiben. Stattdessen ist er mit Fall Out Girl unterwegs, die will, dass etwas geht. Mit ihrer „radioaktiven Roadshow" ziehen die beiden wie die Quacksalber im alten Amerika durchs Land - nur haben sie statt Traktaten und Wundermitteln Songs, Videos und verstrahlte Geschichten im Gepäck. Zum Beispiel die von den Radium Girls, die an der Leuchtfarbe starben, mit der sie die Ziffern von Armbanduhren bemalten. Oder die von der geheimen Priesterschaft, die unsere Endlager bewachen wird. Und wie wäre es damit? Fall Out Girl behauptet, sie sei Mary Jane Watson , die Frau von Peter Parker, auch bekannt als S**man. Sie ist auf der Suche nach ihrem Mann - damit endlich alles wieder gut wird.

FALL OUT GIRL setzt an bei der schlichten Einsicht: Nicht die Pyramiden oder Beethoven oder Homer werden vom Menschen bleiben, sondern seine radioaktiven Abfälle, strahlend auf 100'000 Jahre. Zeit, dass wir uns mit unserem Erbe befassen!

Clones. Foto: Joachim Dette

Vier Impulse für das Vorhaben

Der erste Impuls kam aus der Welt der Comics: Im Jahr 2012 jährt sich zum 50sten Mal die Erfindung von Stan Lees Superhelden Spiderman, der als Teenager von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde und seither als Mutant für Recht und Gerechtigkeit kämpft. Kein Held sieht besser aus als Spiderman, richtig glamourös war er nie. Umso mehr Glamour hat seine Frau Mary Jane, Model, Schauspielerin und Partygirl. Mrs. Spiderman ist die strahlende Unterhalterin, Fall Out Girl ihre dunkle, beschädigte, kämpferische Kehrseite. Beide sind verkörpert im Spiel des hinreißenden jungen Nachwuchstalents Antonia Labs. 
Der zweite Impuls kam aus der Musik: Mit Johannes Geißer als Bartleby wird die Produktion von einem Musiker, Komponisten und Schauspieler getragen, dessen musikalische Verdrängungskraft das sinnliche Gegengewicht zur Durchdringung einer komplexen Thematik bietet. Wir wollen uns unserem Thema stellen, aber wir wollen darin nicht untergehen. Dagegen arbeiten Geißers Kompositionen und die musikalischen Arrangements, zum größeren Teil erarbeitet im Umfeld der Theaterscheune Teutleben, die mit Mass & Fieber OST kooperiert. 
Der dritte Impuls kam von der neuen Leitung des Theaterhauses Jena, das sich früh schon für unseren kleinen, beweglichen Radioaktivitätsabend stark machte. Das junge, innovative Intendantenteam hat die Sache geprüft, strategische Beihilfe geleistet, inhaltliche Fragen gestellt und Relevanz gefordert. Mit uns teilt es die Ansicht, dass sich im Theater Unterhaltung und Nachhaltigkeit gegenseitig bedingen, und dass dem Zuschauer vor allem das nachgeht, was ihn zum Mitgehen - und Mitdenken - auffordert. 
Der wichtigste Impuls war das Thema selbst: Radioaktivität. Nach Abenden über Bürgerkrieg, Anarchie, das Rote Kreuz oder die Finanzkrise begibt sich das Konzeptteam von Mass & Fieber (Regie, Text, Video und Musik) mit seinem neuen Forschungsobjekt auf ein Feld, das gerade nach den jüngsten globalen Störfällen und politischen Schlingerkursen dicht besiedelt ist von Leidenschaft, Ängsten, Wut. Das Vertrauen in eine bessere Zukunft, das noch Marie und Pierre Curie in ihren Forschungen beflügelte, ist verschwunden. An ihre Stelle ist eine Emotionalität getreten, die jede Seite für sich auszunutzen sucht. Mit Angst macht man Geld: Das gilt für Befürworter und Gegner von Atomkraft. „Fall Out Girl" fordert dagegen, sich diesem Themenfeld in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu stellen. Wir glauben an die Kraft eines der Wahrheit verpflichteten, eigenständigen Denkens, wir glauben an das Potential einer produktiven Kontroverse. Ziel ist es, uns gemeinsam mit dem Publikum auf die Suche zu begeben: Nach den Möglichkeiten und (vorläufigen) Grenzen eines verantwortlichen Umgang mit einem Phänomen, das wir als letztes Erbe unserer Art definieren.

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Um ein solches Vorhaben in Angriff zu nehmen, muss man klarstellen, was man weiß, und auch, dass man weiß, was man nicht weiß, und auch, dass man nicht weiß, was man nicht weiß. 

(„Into Eternity")