Stimmen zum Stück

Hamburger Feuilleton / 14. März 2011 / Matthias Schumann
805500

Es gibt ihn manch­mal, den eigen­ar­tige Moment im Thea­ter, wo alles egal ist, alles Fluss, Tempo und Phan­ta­sie ist. Sol­che glück­haf­ten Augen­bli­cke sind so rar wie ... nun ja, gebü­gelte Hem­den in Jung­ge­sel­len­haus­hal­ten.
Mit die­ser Jung­ge­sel­len­me­ta­pher ist man denn auch mit­ten im schöns­ten Kli­schee und das mag ein guter Ein­stieg sein für eine Bespre­chung über Geld & Gott, die Pro­duk­tion, die genau so etwas kann, näm­lich einen klei­nen Augen­blick Thea­ter­glück erschaffen.

Denn mit den Kli­schees des Film noir, der Spra­che, der Dik­tion, dem Ges­tus der Chandler-Hammet-Dorothy-Parker-Welt wird da gespielt. Die Schau­spie­le­rin in der »Nighthawks«-Bar, der ein­same Jäger mit dem Geld­kof­fer, die sat­ten Blä­ser­riffs ame­ri­ka­ni­scher Big Bands als Sample unter die Szene gelegt. Auf der Bühne ist eine Art »Quar­ter­pipe« gebaut, links und rechts ste­hen zwei Röh­ren­fern­se­her - so alt­mo­disch, nicht »retro«

[...]

Und sie kön­nen auch alle spie­len wie der Teu­fel, die fünf­ein­halb Dar­stel­ler Miguel Abran­tes Ost­row­ski, Mar­tin Gan­ten­bein, Mareike Sedl, Nicole Stei­ner und Sil­ves­ter von Höss­lin (einer im Fern­seh­kas­ten, des­we­gen nur halb: Diet­mar König), immer hart auf Anschluss, mit irrem Tempo, wie es sich für eine ordent­li­che Screwball-Comedy gehört. Sin­gen kön­nen sie auch noch und selbst die Schau­spie­ler­cho­reo­gra­phien, die ja fast immer an Unbe­hol­fen­heit kaum zu über­bie­ten sind, sehen hier gut aus.

Fast wär das alles die wahre Musi­cal Comedy, wäre da nicht der ele­gant ver­spon­nene Dante-Plot, mit sei­nen skur­ri­len Superhelden-Einschüben. Immer wie­der mal schiebt sich eine gro­teske Idee in den Ablauf, wie die Fahrt in Cha­rons Nachen im Gum­mi­boot (»Wieso sagt der nichts?«) oder gar die Apo­theose der Prot­ago­nis­ten im alber­nen Kos­tüm mit Cape. Das schöne an der Sache ist: Trotz klei­ner Bühne, trotz mini­ma­lem Ensem­ble, trotz Video­ein­spie­ler und räum­li­cher Beschränkt­heit ent­ste­hen Bil­der für Träume und Alb­träume, die sich vom geziel­ten Kli­schee wahr­haf­tig lösen können.

Zu ver­ant­wor­ten hat das das Zür­cher Ensem­ble Mass & Fie­ber, geschrie­ben haben das Bri­gitte und Niklaus Helb­ling. Er ist auch Spiel­lei­ter die­ses flot­ten Ensem­bles und war einst ein geschei­ter Dra­ma­turg am Tha­lia unter Flimm und macht inzwi­schen sol­che blitz­ge­schei­ten Sachen auf dem Thea­ter. Was uns wie­der ein­mal zeigt, dass nicht nur der Etat ent­schei­det auf dem Thea­ter, Herz, Kopf und Humor, und sei er gar abwe­gig,  machen da viel mehr aus. All das gab es an drei Aben­den auf Kamp­na­gel, was ein Glück.
http://www.hamburger-feuilleton.de/2011/03/14/805500/

Hamburger Abendblatt / 11. März 2011 / asti
THEATERGUERILLA "MASS & FIEBER" GASTIERT MIT SUPERHELDEN

Mass & Fieber begeisterten schon vor einigen Jahren mit ihren Projekten „Präriepriester“,
„Krazy Kat“ oder „Autodrom“ in Hamburg. Lebenskonzepte in ein sarkastisches Extrem zu
treiben, das ist Helbling eine diebische Gaudi. Auch in „Geld und Gott“ spielt er mit dem White
Trash der Casting- und Talkshows. Fantasiert das aufs herrlichste hoch und lässt es in Grund
und Boden spielen. Frei nach Heine: „Vom Sublimen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt“. (den ganzen Bericht hier)

NZZ / 21. August 2010 / Bettina Spoerri
EINE WUNDERTÜTE AUS GOTHAM

Eine bunte Wundertüte ist «Geld und Gott», aus der immer neue Überraschungen herauspurzeln. Silvester von Hösslin, Nicole Steiner, Miguel Abrantes Ostrowski und Mareike Sedl, unterstützt von Martin Gantenbein (Spiel/Musik) und Elke Auer (Video), spielen und tanzen, da sitzt jedes Detail, sie können richtig gut singen – und sogar fliegen. Wer das nicht glaubt, soll eben selbst hingehen.  (den ganzen Bericht hier als PDF)

 

Basler Zeitung / 21. August 2010 / Miriam Glass
HELDEN PFUSCHEN GOTT INS HANDWERK

Der Text von «Geld & Gott», geschrieben von Brigitte und Niklaus Helbling, verzahnt verschiedene Handlungsstränge auf überraschende Weise zu einem absurden Ganzen. Die Ereignisse überstürzen sich zuweilen - nach besonders lauten und temporeichen Passagen baut Regisseur Niklaus Helbling dramaturgisch geschickt Gesangseinlagen ein, während derer sich der Zuschauer erholen kann. Das macht die wilde Mischung aus Gesellschaftssatire und luftiger Soap-Opera leicht, aber nie seicht.

den ganzen Artikel im Archiv der BaZ  (Verlagseite)

Nachtkritik. de / 20. August 2010 / Charles Linsmayer
SUPERHELDEN ZWISCHEN DANTE UND COMMEDIA DELL’ARTE

Die Beleuchtung und die (höchst originellen) Videoprojektionen, die eingängige, zwischen Jazz, Filmmusik und Musical oszillierende Musik von Martin Gantenbein, die präzisen, auch choreographisch und gesanglich überzeugenden Leistungen der Protagonisten, das originelle, eindrücklich schiefe Bühnenbild von Dirk Thiele, der Drive von Niklaus Helblings straffer, jeden Durchhänger vermeidenden Regie: all das verbindet sich zu den zwei Stunden einer Darbietung, die den Qualitätsanspruch eines großen Theaters mit der frisch-ungehemmten Gestaltungslust der freien Bühne verbindet und zuletzt vom Publikum mit nichtendenwollenden Ovationen gefeiert wurde.  (den ganzen Bericht hier als PDF)

Tagesanzeiger Zürich / 21. August 2010 / Alexandra Kedves
EIN THEATRALES WELLNESSPROGRAMM

«Some-thing is happening here but you don’t know what it is» geht der Refrain des Abends.
Wir dagegen wissen eigentlich genau, was hier passiert, denn die Autoren haben ihre unschwer
deutbare Parabel auf das Böse im Kosmos der Bernard Madoffs und Josef Ackermanns in ein
simples, flottes Comic-Plot gepackt und brettern damit, in der Regie von Niklaus Helbling, über die
bühnenbeherrschende Quarter-Pipe wie selbstverliebte junge Skater. Das karge und kluge
Bühnenbild, ein Symbol des Auf und Ab am unbarmherzigen Markt, hat Dirk Thiele gebaut, und
die Protagonisten funktionieren das Ding mal zum Hotel um, mal zum Schiff, mal zum
Häusermoloch aus postindustrieller Zeit.   (den ganzen Bericht hier als PDF)


Zürcher Landzeitung / 21. August 2010 / Linus Baur
UNVERSCHÄMT AMÜSANTER AUFTAKT

...Hinzu kommen eingängige musikalische Einlagen, faszinierende Videoprojektionen auf den Hintergrund und auf TV-Geräte im Vordergrund, die dem witzigen und teuflischen Geschehen eine abgründige und zuweilen humoristische Note verleihen, etwa wenn Juan zusammen mit dem Bildschirm eine Omelette brät. Geboten wird großes Theater auf kleiner Bühne, das den Vergleich mit der großen Bühne nicht zu scheuen braucht. Das Premierenpublikum bedankte sich am Donnerstagabend mit lang anhaltenden Ovationen.

Der Landbote / 21. August 2010 / Stefan Busz
DIE SUPERHELDEN UNSERER ZEIT

«Mass & Fieber» kann, wie Superman, sich durch die Wände bewegen. Immer neue Theaterräume schliessen sich im Spiel auf. Eine eigentliche Screwball-Komödie mit Dante-Überbau ist zu sehen. Am Schluss stehen Miguel Abrantes Ostrowski, Nicole Steiner, Martin Gantenbein, Silvester von Hösslin, Mareike Sedl, alle im Superman-Kostüm, auf Feld 34, was sehr, sehr weit oben ist. Und sie sagen: «Wir werden fliegen!» Und es funktioniert. Nicht nur im Lunapark. Auch im Theater. Supermann kann wirklich fliegen.   (den ganzen Bericht hier als PDF)
 

nahaufnahmen.ch /28. August 2010 / Sabrina Glanzmann
SOMETHING IS HAPPENING HERE...

Auch “Geld und Gott” ist keine einfache Geschichte und vernetzt sehr viel sehr dicht miteinander – nichts Geringeres als Geld, Gott und die Hölle, als die Kritik am globalen Finanz- und Kapitalismussystem und der völligen Selbstüberschätzung derer Protagonisten. Alles schon mal gesehen und gehört, in letzter Zeit? Mit Sicherheit nicht in der Form, wie von Mass & Fieber dargestellt.  (den ganzen Bericht hier als PDF)