werkstattbericht

kammergeraete F:TPeios


[1] „Welcher Bürgerkrieg?" fragt beinah jeder, dem wir erzählen, dass wir ein Stück über Bürgerkrieg schreiben. „Alle," antworten wir. Das stimmt und stimmt auch nicht. Im Vordergrund stehen: a) Der amerikanische Bürgerkrieg b) Bürgerkriege des 20. und 21. Jahrhunderts in Irland, auf dem Balkan, in Afrika c) die russische Revolution d) Der Sonderbundskrieg in der Schweiz 1847, Dauer: 25 Tage, Tote: 113. „A very civil war" nannte ein Historiker diesen Vorgang. „There is no „civil" war, young man" sagt der Blauhelmmajor in der „Schwarzen Kammer", eine Frage der Betonung. [2] Scarlett O'Hara im Reifrock gibt uns la violence. „Avant la guerre, ma vie n'était que rires, goûters, bals, flirts!" Der Film „Vom Winde verweht", gesichtet in der Vorbereitungswoche im Appenzell im Sommer 07, wirkt länger als die vier Stunden, die er immerhin füllt. „As god is my witness, I'll never go hungry again!" Den Musikern (captive audience) kann man den Roman von Margret Mitchell beim Kochen nacherzählen, Aufwand: 95 Minuten und eineinhalb Flaschen Féchy. [3] Die Abpumpmaschine. Das Geräusch klingt wie ein schnarchender Dachs und begleitet viele Gespräche im Probenraum. Die abgepumpte Muttermilch lagert in Plastikflaschen im Kühlschrank, neben einem offenen Pestoglas (Tomatensuppe nach Jamie Oliver), Milchtüten, Salamipackungen, Butter, Gemüse und Behältern mit Brühe. Das Proben-Menü, eine Auswahl: Thaisuppe, Gerstensuppe mit Würstchen, Fischsuppe mit Baignants, Zwiebelsuppe mit Baignants, Kürbissuppe, Flädlisuppe. [4] Im Juni 07 steht das erste Lied: „Draußen vor dem Fenster sitzen Wölfe in den Bäumen". Glocken und unheimlicher Liebreiz. „Hinter der Tapete liegt ein Raum mit meinen Träumen..." Im Museum in Kopenhagen hängt ein Bild von einer schwarzen Kammer, Kohle auf Papier, es zeigt eine Tür und dahinter Finsternis. [5] „Ich liebe Gruselgeschichten." [6] Gesetzlose im Wald lesen Briefe aus gestohlenen Postsäcken - „Ride with the Devil" von Ang Lee. Lara in „Dr. Shiwago": „What an awful, awful time to be alive!" Die Cajun-Klänge in der Küche wehen aus dem Voodoo-Horrorfilm „The Skeleton Key" herüber: „Kullern kullern sanft, die weißroten Augen..." Bei Rimbaud liegt ein junger toter Mann im Gras, „nature, berce-le chaudement, il a froid." Von Bulgakow kommt die weiße Garde: „Warte, warte..." Und Céline gibt Charlemagne „qu'a crée Hambourg!" [7] In der „Schwarzen Kammer" spielt es keine Rolle, zu entschlüsseln, wo diese Splitter des Grauens und des Krieges herkommen; sie verbinden sich zu einem alten, neuen Traum. Und es gibt nichts zu gewinnen, Mass & Fieber ist keine Quiz-Show. Erkenntnis vielleicht? Vorsicht vor Bearbeitung: Roméo Dallaire war kein Major, sondern General der Blauhelme in Rwanda, von wo er nach Hause geschickt wurde, nachdem er anfing, die verwilderten Hunde zu erschießen, die sich an seine zahmen Ziegen ranmachen wollten. Zuhause dann der Geruch von Leichen im Supermarkt. [8] Cheerleadertanz, Tischerücken und Seilspringen, die Gewaltbereitschaft von Kinderversen, Doktorspiele, Zombiejagd. Die Kreativität der Rachegöttinnen oder Hexen hat etwas Tröstliches. Sie wollen nur spielen. [9]: Die „Zeit"-Bestenliste der Weltliteratur bestückt die Bibliothek des Generals. Who cares. Who cares. In der Bibliothek einer spanischen Villa saß Arthur Koestler mit einem britischen Freund und wartete beim Cognac auf den Einzug der faschistischen Truppen. Dann standen Offiziere mit Pistolen in den Türen. [10] In Berichten aus Bürgerkriegen immer wieder dieselben Geschichten, gleichgültig wann oder wo... Schwangere, denen die Bäuche aufgeschlitzt werden. Aufgespießte Babys, jugendliche Rebellen, Folter, Vergewaltigungen. Die Opfergeschichten enden nicht mit dem Krieg. Wir gehen einer anderen Frage nach: Wie viel braucht es, bis unser junger Mann, unser friedensverwöhnter Schweizer Jedermann, seine kulturell angelernte Zivilisiertheit vergisst und bereit ist, mit dem Gewehr auf einen Nachbarn zu schießen? [11] Pour faire la guerre à la campagne, il faut les philosophes dans les villes. Die Intellektuellen aus den Städten, die am Wochenende aufs Land fahren, um mit dem Zielfernrohr auf den Feind zu schießen sind serbische Bekannte aus der Erzählung eines Hochschullehrers, sie leben heute in USA. Philosophen, Dichter, Journalisten - wie hält man den Hass am Leben, wenn nicht über das Wort? [12] Das Glück des Chorgesangs. Das Halluzinations-Trio, vierstimmig, angelehnt an eine Untersuchung über Erotik und Kampfhandlungen (Briefe aus dem ersten und zweiten Weltkrieg, Berichte aus Vietnam). [13] Das Geistersingspiel aus dem Bürgerkrieg ist ein Stück über den Frieden, über den von Kriegen umzingelten Frieden unserer Welt. Der junge Mann: „Ich dachte immer, dass der Frieden eine Illusion ist. Jetzt weiß ich es, und ich bin froh darüber." [14] In Uwem Akpams Erzählung „My Parents' Bedroom" erscheinen Nachbarn, die sich im Gebälk eines Hauses verstecken vor dem Mob, der das Haus anzünden wird. [15] Die Marmorsteine mit den Namen von Kriegstoten auf dem Dorfplatz oder vor der Kirche findet man in ganz Europa. Meist sind da nur die Namen von gefallenen Soldaten drauf. [16] Was bleibt. Was bleibt. [17] Unser utopischer Ausblick heißt Adem Kahriman. Er lebt in einem Hochhaus ein Stockwerk über Nedzad Ibrisimovic, dem Dichter und Präsidenten des bosnischen Schriftstellerverbands, der diese Geschichte geschrieben hat: „Das Buch Adem Kahriman" erzählt von einem Dichter, der Verbrechen rückgängig machen kann, es erzählt von einer Unmöglichkeit. Das macht es nicht weniger schön.

Der Werkstattbericht ist Bestandteil des sehr schönen Programmfaltblatts von Herrn Thomas Rhyner. Das Programmfaltblatt wurde & wird während der Aufführungen an die Zuschauer ausgehändigt.
Mass & Fieber // Februar 2008