PRESSESTIMMEN ZU KRAZY KAT
Paper Krazy F:Chr. Altorfer

„Kirre Katz, miese Maus, flottes Philotainment“.

Diesmal haben sie’s eine Nummer kleiner probiert und sind dabei richtig groß herausgekommen: „Krazy Kat – Die Liebe im Zeichen des Pflastersteins“, die dritte Produktion der 1996 gegründeten Theatergruppe Mass & Fieber ... hat sieben Leben. Oder wenigstens fünf: die Musik, die Musik und nochmals die Musik, dann das Spiel und den Text ... fünf Denker dürfen es noch einmal tun: eine neue Gesellschaft träumen.

Eine – beinah – anarchische, beinah masslos fiebernde Collage haben Brigitte und Niklaus Helbling entworfen ... und die Besetzung ... fiebert mit. Eben zischte Fabienne Hadorn, Gitarre in der Hand und schwarze Rockerjacke um die Schultern, böse „Graceland! Graceland!“, und schon lauert sie, noch böser, in grauer Mausmontur hoch auf der Pappwand, den Pflasterstein im treffsicheren Pfötchen. „Zip!“ und „Pow!“: Katze versenkt. Ignatz Mouse kennt kein Erbarmen. Aber Krazy Kat braucht auch keins. Denn jeden Pflasterstein liest sie als Liebesgruss, jede Falle als Fingerübung der Sehnsucht. Sie zuckt mit dem Schwanz, verdreht ekstatisch die Augen – und wenn Tonio Arango die Augen verdreht, sehen wir alle Sterne.

Super sentimental? Und wenn schon. Zwischen Hanns Eislers Tucholsky-Vertonung „Rosen auf den Weg gestreut“ und Condition von Kenny Rogers/First Edition darf es schon mal gospeln; zwischen Kurt Schwitters Buchstabenorgien und Zürcher Bezirksanwaltschaftdeutsch von 1980 schon mal geefühlig zittern. Zu soft wird es nie, denn Herrin bleibt die (hier Moralin-I „süße Ironie“ ... So viel Lust im Utopie-Frust war nie.

Alexandra Kedves / Neue Zürcher Zeitung, 4/10/01

„Wie Hund und Katz’ und Maus“.

Wer sagt denn, die Schweiz sei ein steinharter Boden für Musicals? Da braucht es nur eine freie Gruppe mit spielerischer Phantasie, einen amerikanischen Comic der zwanziger und dreißiger Jahre und ein paar Hits aus den Jahren seither, und schwups ist da ein Musical entstanden, irgendwas zwischen „Rent“ (Stillage) und „Chicago“ (dramaturgische Form), und das Publikum ist völlig hingerissen.

Die Petroleusen sind benannt nach den Brandsatzstifterinnen der Pariser Commune und ... haben so was wie ein Probenloskal in einer Garage, aus deren Wand sich Backsteine lösen lassen, die Mäuse nach Katzen schmeissen können, und hinter den Backsteinen eröffnen sich in der Wand dann ungeahnte Möglichkeiten, vom Bungee Jumping bis zum Kostüm Kleopatras. Denn auch zwischen Kleopakatz und Maus Antonius schwelt die Liebe. Kein Wunder bei dem Feuer, mit dem Fabienne Hadorn ihren Ignatz Mouse ausstattet. Tonio Arangos Krazy Kat ist eher von der cool glühenden Seite mit seinen felinen Tangobewegungen. Auflodernd pufft sich dann Offissa Pupp Mike Müller dazwischen, wenngleich stets mit Verzögerung.

Dass sich das alles nicht zum Flächenbrand ausdehnt, ist Regisseur Niklaus Helblings Verdienst. Er bündelt die artistischen Stil- und Tempoübungen seiner Darsteller, ziemlich locker, aber doch. Und er gibt ihnen einen Rhythmus, der natürlich auch wieder getragen ist von der Petroleusenmusik (Sybille Aeberli und Martin Gantenbein). Sie deckt ein Spektrum ab zwischen „Addio Lugano bella“ und einem Gospel an die „süsse Ironie“ ... Alles zusammen kommt dann ziemlich feurig daher, was richtig ist, denn ohne Rauch gibt’s keine Revolution.

Andreas Klaeui / Basler Zeitung, 4/10/01

„Im Kartonland von Liebe und Anarchie“.

... Also schräges Entertainment bis zum Letzten, Musik, Drive, Power, hemmungslose Komik. Da ist erstens die Anarcho-Rockband Die Petroleusen, die bis zum Schluss immer wieder versucht, ein Konzert auf die Bühne zu kriegen und sich in Strassenkämpfernostalgie verheddert. Helbling wendet in diesem Fall ein erfolgreiches Rezept an: Man nehme eine Schweizer Profirockerein und gebe ihr viel Gestaltungsmacht. ... hier ist das Sibylle Aeberli, unterstützt von Mass&Fieber-Gründungsvirtuose Martin Gantenbein. Stimme und Gitarre von Aeberli haben einen gewaltigen Sexappeal, und vor allem wird die Männerdomäne Rock diskursiv unterwandert. So ein Gedanke sei dem Diskursbastler Helbling jetzt einfach unterstellt... Helbling ist ein vor Fantasie explodierender Regissuer, der traumhafte Bühnenberserker um sich geschart hat, die sich unter seiner Leitung mit aller Tollkühnheit die Seele aus dem Leib spielen...

In „Krazy Kat“ verflicht er eine Parallelwelt mit der andern. Neben den Petroleusen ist da auch George Herrimans Comic-Land Coconino, ganz aus Kartonwänden, wo Liebe und Anarchie herrschen, wo Ignatz Mouse (Hadorn) der melancholischen Krazy Kat (ein grandioser Arango, der dafür Michael Jacksons Beweglichkeit verinnerlicht hat) andauernd einen Pflasterstein an den Kopf haut, so rein mechanisch motiviert, wie wir das nur aus Trickfilmen kennen, und wo das Recht von einem Hund namens Offissa Pupp (Mike Müller, sonst OffOff-Bühne und „Viktors Spätprogramm“, der jetzt bitte ganz schnell a) eine eigene Band gründen und b) eine eigene Fernsehsendung bekommen soll!) verkörpert und zugleich korrumpiert wird...

Wie in einem Cocktailshaker gerät alles durcheinander, die Musiknummern verbinden eine Ebene mit der andern, am Ende bleiben ein paar wirklich atemberaubende Soloauftritte stehen, ein paar Choreinlagen, die jede Soulformation erblassen lassen, und viele markige Gitarrenriffs. Und der Eindruck von einem Haufen auseinander geschnittener Comicbildchen.

Simone Meier / Tages-Anzeiger, 4/10/01

„Comics zum Leben erweckt“.

Ist das jetzt eine anarchische Utopie oder einfach ein kurzweiliger, gelungener Unterhaltungsabend? Ein paar offene Fragen zum Inhalt paaren sich am Dienstag im Theaterhaus Gessnerallee auf märchenhafte Weise mit einer noch offeneren Form der verschiedensten Showelemente. ... Je mehr der Theaterabend voranschreitet, desto gleichgültiger sind dem Publikum all diese Deutungsversuche. Entweder man mag Comics. Oder man mag diese klischiert charakterisierte Welt nicht. Sicher mögen muss man aber de ideenreiche Inszenierung und das fantastische Ensemble von Mass & Fieber. Das Publikum staunt, wie hier alle einfach alles beherrschen.

Fabienne Hadorn als Ignatz Mouse oder Musikerin Moulinex wechselt von perfektem Amerikanisch über Französisch zu schrägsten Züri-Sprüchen, ebenso wie sie Bass spielend virtuos zwischen Gospel und Punk variieren kann. Und dazu natürlich noch singt. Tonio Arango schleicht als Krazy Kat ebenso „Cats“-artig über die Bühne, wie er seine Finger zu Jazz oder Kitsch auf dem Piano tanzen lässt. Mike Müller ist als Polizist, Bakunin oder Killer ein begnadeter Parodist und Harmonikaspieler. Sibylle Aeberli müsste eigentlich möglichst bald eine Karriere als Rocksängerin ins Auge fassen, sofern das nicht die Existenz des Ensembles von Mass & Fieber gefährden würde. Und Martin Gantenbein am Schlagzeug versteht es geschickt, den oft in die verschiedensten Richtungen ausufernden Sound immer wieder auf eine sichere Basis zurückzudrummen.

Nur verständlich, dass das Publikum die Show zum Schluss mit viel Schreien und Stampfen verdankt hat.

Andreas Panzeri / ZürichExpress, 4/10/01

„Die revolutionäre Tat als Comic“.

In einer weiteren gelungenen Kreation des Produktionsteams „Mass & Fieber“ geht es um Anarchismus und Liebe ... Die komplexe Einfachheit des „Krazy Kat“-Universums, die bei vielen Kennern als die genialste Comic-Serie überhaupt gilt, liegt dieser über weite Strecken witzigen und gelungenen Bühnenbearbeitung zugrunde. Texterin Brigitte Helbling/Texter Niklaus Helbling und die fünf Protagonistinnen und Protagonisten wenden dabei das Dreiecksverhältnis Ignatz (anarchistische Gewalt)/Kat (idealisierend selbstlose Liebe)/Kläff (Law and Order) auf eine Art Rückschau revolutionärer Umtriebe an.

Die „Petroleusen“, so der Name der Band, wollen auf offener Bühne und als offensichtliche 80er Bewegungsveteranen dem Sinn von Gewalt und Anarchismus spielerisch noch einmal auf den Grund gehen. In attraktiv schnellen Verwandlungsszenen treten die fünf unter anderem auch als die bärtigen Anarchisten Bakunin, Przybyszewski, Proudhon, Brupbacher und Mühsam mit Hüten und in Regenmänteln auf und suchen in Coconino County, wo der „Anarchist“ Ignatz sein Unwesen treibt, das Paradies der wahren Freiheit ... Das ist alles mit viel Tempo sowie Sinn für Absudität und geschickte Umsetzung von Comics ins Dreidimensionale inszeniert ... Angesprochen wird vaudeville-rockig alles, was schon die 68er und dann später die 80er Generation beschäftigt hat, Freiheit, Drogen, Anarchismus. Aber auch die aus den Attitüden resultierenden Widersprüche, denn die direkte anarchistische Aktion – der sich stets wiederholende Steinwurf von Ignatz – zerbricht am liebenden Schädel der Katze, die der Aggression immer wieder die Spitze kappt. Die revolutionäre Tat als Comic?

... Die letzte Szene dieser spritzigen Produktion kommt denn auch versöhnlich und ausgesprochen britisch daher: man überblickt die revolutionären Umtriebe und Verstrickungen, welche man hinter sich gebracht hat, als mehrstimmiges Gospelchörchen mit „sweet irony“, mit süsser Ironie.

Hans Keller / Aargauer Tagblatt, 4/10/01

„Kunterbunter Klamauk im Comic-Style“.

Wie idyllisch die Zeiten noch waren, als sich Anarchisten zur Bekräftigung ihrer Ideologien schlicht mit Parolen und Pflastersteinen begnügten, zeigt die Gruppe „Mass & Fieber“ mit ihrer schrägen und knalligen Comic-Strip-Parodie „Krazy Kat – Die Liebe im Zeichen des Pflastersteins“.

Die 1996 gegründete und bereits zu Kuststatus aufgestiegene Gruppe Mass & Fieber um den Autor und Regisseur Niklaus Helbling, den Musiker Martin Gantenbein und die exzellente Schauspielerin Fabienne Hadorn bemüht sich um die Flrderung anonymer Fiktionen und die Vernetzung von Musik, Theater, Video, Tanz und Literatur. Sie machte in Zürich bereits mit ihren Produktionen „Bambifikation“ (1999) und „Präriepriester“ (2000) Furore, in denen sie die kommerzielle Vermarktung von literarischen und filmischen Mythen und Klischees auf chaotisch-vielschichtige Weise kritisch ad absurdum führte.

Ähnliches nun auch in „Krazy Kat“, das auf amerikanischen Comic Strips von George Herriman aus der Zeit von 1913-1943 beruht. ... Erzählt wird die ebenso fantastische wie abstruse Slapstick-Story auf einer dritten Ebene von den „Petroleusen“, einer fünfköpfigen Band mit virtuos vielstimmigem Gesang, die ihren Namen sinnigerweise von einer Gruppe Bomben bastelnder Frauen aus der Zeit der Französischen Revolution herleitet ... In der mit grotesken Gags, schrägen Bildern und vielfältigem Sound von Rock und Rap, Schnulzen und Soul witzig angereicherten Inszenierung von Niklaus Helbling durchdringen sich die Spielebenen von Comicfiguren, Anarchisten und Petroleusen auf recht chaotische Weise ... und für die im Verlauf des Stücks erstaunlich plausibeil werdende Erklärung, weshalb fliegende Pflastersteine durchaus auch als Liebesbeweis angesehen werden können, wird sogar bis in die fernen Zeiten, bis zu Antonius und Kleopatra, zurückgeblendet.

Sonja Augustin / Zürich Oberländer, 4/10/01

„Für die Maus ists Liebesbeweis“.

Die neue Produktion der Truppe „Mass & Fieber“ ist nach einer fast hundertjährigen Comicfigur betitelt. „Krazy Kat“ erweist sich freilich als durchaus heutiges Vergnügen, an dem die musikalische Begabung der fünf Mitwirkenden hohen Anteil hat.

... Der Schwerpunkt der Produktion liegt sicher im Musikalisch-Sängerischen, ziemlich rockig und vor allem auch ziemlich parodistisch, vielseitig im Stilistischen wie im Interpretatorischen. Doch auch im Darstellerischen, das sich unter der Regie von Niklaus Helbling selbstverständlich damit verbindet, wissen die fünf, allen voran der Interpret der Titelfigur, zu überzeugen.

Berührungsängste mit demKlamauk kennt man kaum, doch wenn das Geschehen gelegentlich aus dem Ruder zu laufen droht, verdichtet es sich plötzlich wieder zu einer sprachlichen Miniatur, einem liebevollen szenischen Detail. Allzu tiefschürfend will der Abend kaum sein, am verbindlichsten wird er in der Persiflage auf längst gescheiterte anarchistische Utopien oder auf jene Leute, die heue noch ernsthaft daran glauben, dass sich politische Probleme am besten mit Pflastersteinen lösen lassenen. Und irgendwo und irgendwie scheint doch wieder jene utopische Hoffnung auf, die in der alten Geschichte von einer verrückten Katze geborgen ist.

Martin Kraft / Zürichsee Zeitung, 4/10/01

"Mäuserevolution made in Coconino"

Dass der Abend unbestritten trotzdem ein Erlebnis ist, liegt wie die vorigen Male zu einem grossen Teil am Ensemble, das mit halluzinatorischer Treffsicherheit auch die abstrusesten Einfälle umsetzt. Wieder dabei ist Fabienne Hadorn, die mit "Bambifikation" ihren Ruf als begnadete Verwandlungskünstlerin begründet hat. Erstmals zu sehen ist der Schauspieler Tonio Arango der durch Niklaus Helblings Arbeit am Schauspielhaus Bochum zur Truppe gestossen undd der mit einer exzentrischen Körperlichkeit beeindruckt.

Noemi Gradwohl/Berner Zeitung, 29. Dezember 2001

"Anarchischer Comic(s)trip"

Die Anarchie lebt. Zumindest in der Schweiz. Dort hält sich eine kleine Zelle des Widerstands und veschafft sich lautstark Gehör. Mass & Fieber heißt die bunte Züricher Truppe aus Musikanten, Schauspielern und Künstlern. Mit ihrer neuenProduktion Krazy Kat! brachte sie das Thalia in der Gaußstraße bei der Gastspielpremiere zum Kochen. Lang schon hat man die totgesagten linken Utopien nicht mehr so munter auf zwei Beinen-ode vier Pfoten - rocken sehen.
(...) Mass & Fieber sehen Zerstörung als Befreiung. Erst zerdeppern sie lustvoll jede Dramaturgie, wählen eine Darstellungsform der Subkultur und predigen eine herzerfrischende Herrschaftslosigkeit. Nach Bambifikation, einem Abend über die Rehkrankheit der Welt und Präriepriester, die mit großem Erfolg in Hamburg gezeigt wurden, ist Krazy Kat ein weiterer gelungener Spass dieses vor Kreativität berstenden Kollektivs. Soviel Anarchie war nie.

Annette Stiekele / die tageszeitung, 25. Januar 2002

"Anarchisches im Comicland"

"Echt schräg: "Krazy Kat" im Thalia an der Gaußstraße ... Die fünf Schauspieler und Musiker springen von einer Ebene zur nächsten - von der Band ins Comic, von dort zu den Alt-Anarchisten und wieder zurück. Das geht so rasant wie im Cartoon.

Heraus kommt ein gnadenloser Trash. Ein Theater, das den Revolutions-Ramsch zusammenrafft: "Freiheit ohne Sozialismus ist Ungerechtigkeit", "Zerstörung hat etwas Kreatives". Am Ende bleibt die Phiosophie von Krazy Kat: "Die Kraft der Liebe verwandelt Steine in Glück." Verrückt, nicht?

Susann Oberacker / Hamburger Morgenpost, 25. Januar 2002

"Remix der Revolution"

Niklaus Helbling und die "Mass & Fieber" lassen die Cartoon und Revolution bei ihrem "Krazy Kat"-Gastspiel aufeinander los. Das Ergebnis: ein musikalischer und humoristischer Big Bäng im Kopf der Zuschauer.

Hamburger Abendblatt, 25. Januar 2002

"Quaderförmige Sehnsucht"

Die Mitglieder der Theatergruppe "Mass und Fieber" scheinen einen Ziegelstein abbekomen zu haben, der einen Ideensturzbach freiließ. ... Das Durcheinander ist das dramaturgische Prinzip, die Stillosigkeit das stilbildende. Die Mittel werden zu Zeichen, die Vorgänge zu ilustrativen Absolvierungen von Schnapsideen.
All das entspringt einer Sehnsucht nach einem Grund in der bodenlosen Ironie, mit der man lebt - nach so Dinglichem wie einem Ziegelsten, der einem - "Pow" - zeigt, wie sich Schmerz, Liebe und Leben anfühlen. Auf überaus sympathische Weise scheitert der Versuch, Medien kreuzend, Kulturgut zitierend, Regeln brechend - also mit Mitteln der Postmoderne - selbige zu überholen und postironisch etwas zu sagen haben zu wollen.
Bei aller Freude an der Freude, die "Mass und Fieber" zu haben scheinen, man wünscht ihne einen miesepetrigen Dramaturgen an den Hals, der ihnen manche abschweifende Idee verbietet, manchen auf Pointe formulierten Textzu szenischem zurückbaut und darauf achtet, was im Theater auch künftig wahrscheinlich unverzichtbar bleibt: die Wirkung. Zu solch onkelhafter Empfehlung gesellt sich sofort der Zweifel: was bleibt,wenn man die Idee des Ideenreichtums zusammenstreicht, wenn man den munter und furchtlos durcheinander hüpfenden Geist dieses Abends an die Kette legt? Ein Stein allein.

Ulrich Seidler/ Berliner Zeitung, 9. März 2002

"Tierisch gut: "Krazy Kat" in den Sophiensälen"

Die 1913 von dem Cartoonisten George Herriman kreierten Figuren und seine bis in die vierziger Jahre erschienen Comics begeisterten so unterschiedliche Geister wie Picasso, Chaplin und James Joyce. Auch der gelehrte Semiotik-Professor Umberto Eco soll ein Fan von Krazy, Ignatz und Pupp sein. Ganz sicher sind es die fixen Leute der Freien Gruppe "Mass & Fieber". Sie haben us berebei einem früheren Aftrtt mit ihrer "Bambifikation" ... manche Lachträne entlockt. Jetzt gastieren sie mit "Krazy Kat" in den Sophiensälen. Und es setzt wieder tierisch kräftigen Beifall.

Starker spielerischer Witz! Glückliches Wiedersehen mit Fabienne Hadorn als Moulinex-Mouse, die uns seinerzeit schon als Bambi tierliebe Sympathien entlockte! Die Verrücktheit erreicht einen unstreitigen Höhepunkt - nicht nur wegen der Verwendung einer Leiter -, als der hündisch-parteiliche Schupo in einem Gerichtsverfahren gleichzeitig den unabhängigen Gesetzeshüter geben muss.
Dennoch sind gewisse Leerstellen im Getriebe der überdrehten Lustigkeit hier und da nicht zu übersehen. ... Macht aber nichts. Pflastersteine werden auch vom Rezensenten nur als Liebesbezeugungen geschleudert.

Peter Hans Göpfert/ Berliner Morgenpost, 9. März 2002

"Stein und Glück"

Das Steinewerfen kommt mal mehr, mal weniger in Mode, es ziert die Biographie eines deutschen Außenministers so, wie das "nur geraucht, nicht inhaliert" der Sturm- und Drangzeit eines gewesenen amerikanischen Präsidenten etwas verkniffenen Glanz verlieh. Gut möglich, dass die beiden Würdenträger in diesen Augenblicken jugendl8ichen Leichtsinns dasselbe dachten wie jener junge Autonome, der 1980, als Zürich brannte, sein erstes Boutiquenfenster einschmiss. "Das war das erste Mal, dass ich mich gegen diese Srukturen aufgelehnt habe", resümiert er stolz das Glasgesplitter des vor Vitalität berstenden Moments, der Ernst Jünger ein Glas Champagner wert gewesen wäre, wenn ihm die strenge Kantonspolizei das zugestanden hätte, was so wahrscheinlich ist wie die Aufstellung eines Bakunin-Denkmals am Züricher Hauptbahnhof.
Halt, stop, mir dreht sich der Kopf vor soviel Assoziationswahn und Sprunghaftigkeit, meldet sich der imaginäre Leser im Ohr des Rezensenten - und bereut es sofort. Denn jetzt wird das Tempo noch angezogen...

So, wer bis hierhin schwindelfrei durchgehalten hat, dem kann jetzt bedenkenlos ein Besuch der Sophiensäle empfohlen werden, wo zur Zeit die Schweizer Gruppe "Mass und Fieber" um den Regisseur Niklaus Helbling ihren Theaterabend "Krazy Kat" zeigt, der all die oben angeschnittenen Gegenstände noch viel kunterbunter und verwirrender jongliert und zudem mit einem berückend schönen Soundtrack versieht. Tonio Arango, Fabienne Hadorn, Mike Müller, Sibylle Aeberli und Martin Gantenbein halten weder Maß noch bekämpfen sie das sich unweigerlich einstellende Mitfiebern, sondern überspringen scheinbar mühelos Zeit-, Raum- und Gattungsgrenzen, bis man nicht mehr weiß, was hinten und vorn, Schweiz und Amerika, Slapstick und Theater, Rockperformance und Kindergeburtstag ist. Das könnte man jetzt sehr verständig als postdramatisch oder neodadaistisch einordnen. Oder einfach nur originell und unterhaltsam finden.

Matthias Ehlert/Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. März 2002