Über den Präriepriester ist unter anderem zu lesen:

Susi & Koyote Kurt "Unsere Welt ist zu klein.
Wenn man die Prärie sehen will,
muss man sich auf den Teppich legen."

Niklaus Helbling im züritipp, 2.6.2000


IM WESTEN VIEL NEUES
(...) Zum Jungfernritt gen Westen geladen hat am Freitagabend die Truppe Mass & Fieber. Das Publikum kam in Scharen ins Theaterhaus Gessnerallee nach Zürich zur Uraufführung von "Präriepriester. Eine Westernprojektion", um zu sehen, was (...) Niklaus Helbling (Regie) und Martin Gantenbein und Markus Schönholzer (musikalische Leitung) in die Prärie gestopft haben.
Was es sah: eine Western-Posse mit partiellem Tiefsinn. Witzig erzählt und schräg inszeniert, hervorragend gespielt und eindrücklich gesungen. Was es erlebte: Unterhaltung mit einem comicartigen Patchwork-Stück, in das Figuren, Fakten und Fantasien gewoben wurden, die zum Western gehören oder einem dazu einfallen - aus Filmen, Büchern, Dreigroschenheftchen, vom Hörensagen, von Karl May oder schlicht aus Träumen.
(...) Einige, die vor Jahresfrist das Kinderzimmer-Happening ["Bambifikation"] von den Stühlen gerissen hat, werden ein wenig ernüchtert sein. "Präriepriester" ist strenger. Entwickelte sich "Bambifikation" noch eher assoziativ zu einem wilden Flug durch virtuelle Bilderwelten, ist der "Präriepriester" straffer komponiert. Diese Geschichte folgt einer Fabel. Was geblieben ist: der Aberwitz, die Perfektion und die Spiellust der Truppe. Mass & Fieber haben sich damit endgültig in der obersten Liga der freien Szene etabliert.

Marco Guetg, SonntagsZeitung, 4.6.2000


AUF DEM HOMETRAINER IN DEN WILDEN WESTEN
(...) Was in der Gessnerallee gezeigt wird, ist eine präzis kalkulierte Mischung aus Trashkultur, Metatheater und einer Prise Selbstironie. Das Resultat ist witzig und trendy. Dass der kultverdächtige Abend funktio-
niert, verdankt sich wesentlich der schauspielerischen Leistung der beiden Zugpferde Roeland Wiesnekker und Fabienne Hadorn. Wo sie vor Energie sprüht und sich mühelos von der Revolverlady zur Anstaltsinsassin zappt, setzt seine phlegmatische Bühnenpräsenz einen komischen Kontrapunkt.

Anja Lauper, Tages Anzeiger, 5.6.2000


KÖSTLICHE POSTKARTEN AUS DEM ZAHMEN WESTEN
(...) Die durchwegs überzeugenden Darstellerinnen und Darsteller der freien Theatertruppe "Mass & Fieber" bildern auf der Bühne (...) den Wilden Westen nochmals auf, und indem sie zeigen, dass der Wilde Westen immer bloss die Postkarte ist, die wir von ihm besitzen, wird er zum Zahmen Westen: zu einer vermeintlichen Wildnis, in der sich spiessbürgerliche Moral, Alkoholismus, sexuelle Frustration, Hunger nach Lebensdramatik und -erfüllung und Fesselung an biedermeierliche Moralvorstellungen deutlicher manifestieren als im vermeintlich zivilisierten Europa, welches diese Bilder erst gebar. (...) Wer Verführung durch Bilder thematisiert, darf sich nicht in die eigenen Bilder verlieben. Oder doch? Roeland Wiesnekker als Sheriff ist so herrlich unbeholfen; Fabienne Hadorn als Mädchen, das den Tod seines Bruders rächen will, verfügt über eine fast schon akrobatische Schauspielkunst, Christopher Novak als "Kojote Kurt" ist seines Romanheldendaseins auf eine köstlich sichtbare Weise überdrüssig, und Tina Seeland als "Joey das Auge" - sie handhabt die Videokamera - weiss, wie man schiesst, wenn's dann auch nur Bilder sind. (...) Überzeugend ist auch die Musik: Die vielen Songs gehen auf die dargestellten Inhalte ein, greifen musikalisch auf die Tradition des Bluegrass zurück und wenden diese, von verzwickten Texten beflügelt, in eine ganz unverwechselbare Musiksprache. Martin Gantenbein, Markus Schönholzer (...) und Sabine Wortmann amerikanisieren Biedermeierphantasien, dass es eine Lust ist, und sie lassen in ihrer Einlässlichkeit Tom Waits links liegen.
(...) Ein Märchen gleichzeitig zu entlarven und zu nähren - das ist schon eine Glanzleistung. Das Publikum wusste sie zu schätzen.

David Wohnlich, Basler Zeitung, 5.6.2000


EINE WESTERNPROJEKTION
(...) Wesentlich ist nicht der Handlungsverlauf, sondern das Spiel mit Assoziationen - nicht nur zu gängigen Westernklischees, die mit Schiessereien, Faustkämpfen und herzbewegend gesungenen Countryschnulzen genüsslich zelebriert und mit winzigen Spielzeug-Cowboys auf einer grossflächigen Video-Leinwand illustriert werden, sondern auch zu aktuellen Fragen wie Fitnesstraining, Alkoholkonsum, Waffenbesitz, Selbstjustiz und der traurigen Tatsache, dass sich heutige Menschen nur noch in bereits vorgeformten Zitaten aus Literatur, Film und anderen Medien zu bewegen wissen. Doch obwohl dies eigentlich eine traurige Erkenntnis ist, wird sie mit vielerlei Gags und Songs zu einer parodistisch beschwingten Show aufgemöbelt, in der jenseits aller Logik nur der unterhaltsam geglückte Augenblick zählt.

saz, Der Bund, 5.6.2000

 
"Es hält und im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee gefangen. Die Bühne ist ein Gefängnis für Lebenslängliche, also für uns alle. Auftritte geschehen durch den Kühlschrank, Abgänge durch Dead Men's Exit, vorbei an heimelig glühenden Totenköpfen ... Bambi ist auch tot. Das tut wirklich weh. Helbling, der mit der Pijama-Performance "Bambidikation" letztes Jahr ein kleines, feines Theaterwunder um Fabienne Hadorn herum bastelte, macht nun seinem Talent mit der unbewältigten Grossartigkeit des Beinahe-Musicals ziemlich den Garaus. Beide Produktionen sind so genannte Clubprojekte, aus denen Eingeweihte, die mit Bambi oder eben mit Wyatt Earp und Billy the Kid gross und infantil wurden, den größten Gewinn ziehen. Darum braucht diese Rezension zum Schluss einen Vorbehalt: Es ist möglich, dass ich zahllose darstellerische Feinheiten gar nicht wahrnehmen konnte, weil Western nicht zu meiner Individuation beitrugen und ich also im falschen Club saß. In den alles entscheidenden Jahren war ich ausschließlich Zorro, begabt mit unendlicher Verachtung für den Saloon, den mein Todfeind, meine Zwillingsschwester, besetzt hielt. Wir Zorros warten nun auf Helblings Mantel-und-Degen-Projekt, in dem die Cowboys und-girls nichts zu suchen haben werden."

Luzerner Zeitung, 5. Juni 2000;
Günther Fässler."

 
Mit ihrem Programm "Präriepriester - eine Westernprojektion" erfüllt die Theatertruppe Mass & Fieber die Erwartungen, die sie mit "Bambifikation" geweckt hatte. Der "Western" bebt. ... Die fast zweistündige Vorstellung kommt nach der Pause richtig in Fahrt. Das hat wesentlich damit zu tun, dass die Band da anfängt zu zeigen, was in ihr steckt. Allen voran Markus Schönholzer, in Cowboy-Montur und mit Countryrocker-Posen, verleiht dem Stück eine spezielle Note. Seine leicht blasiert-näselnde Stimme passt vorzüglich zu seiner Rolle. Und den Mythos der lonesome Guitar-Cowboys zelebriert er mit spürbarem Genuss.
War vor der Pause schon viel los, wird die Handlung nun vollends irrwitzig: Madame Hu ist plötzlich die Analytikerin des Helden Rockford, der von seiner Kindheit und seiner Passion für Revolvercomics erzählt. ... Jetzt schlägt auch die Stunde von Susi Philadelphia. In ihrer Rache-Engel-Mission schleicht sie sich im Saloon ein und singt und tanzt und fuchtelt mit ihrer Riesenknarre. Die Genres beginnen sich zu vermischen. Arabische Nächte kontrastieren mit blutsaugerischen Anwandlungen der Akteure. Der Reverend Rockford erweckt Tote zum Leben. Koyote Kurt wird operiert - das meinten die Programmmacher mit "Blood and Pizza", ein Höhepunkt ... Der Barkeeper stirbt durch die Hand seines Freundes und kehrt als Untoter wieder. ... Am Ende sitzen sie da, wo sie von Anfang an hingehörten: in der Klapsmühle. Joey ist jetzt Pflerin. Einige Stimmen nach der Premiere fanden das zuviel des Guten, aber Tina Seeland hat ihren Beruf verfehlt, so überzeugend wirkt sie auch da."

P.S. 8. Juni 2000;
Ewald Matthys


"Zürich gibt sich gerne weltstädtisch. ... Dass sich die Stadt aber nicht nur zum Zürichsee öffnet, sondern zur Welt, ist auch das Verdienst einer Off-Szene, die jenseits von Tonhalle, Kunst- und Schauspielhaus fortwährend frische Blüten treibt.

Und zuweilen Orchideen hervorbringt wie Mass & Fieber, deren zweites Freiburg-Gastspiel nun bevorsteht ... Regisseur Niklaus Helbling gilt als konzeptioneller Kopf des Ensembles. ... Weil man Mass & Fieber aber ruhigen Gewissens auch als eigenwillige Musical Company bezeichnen könnte, sind Martin Gantenbei und Markus Schönholzer nicht minder wichtig. Als Musiker, als Arrangeure und Songtüftler sind sie der Zürcher Szene einschlägig bekannt."

Badische Zeitung, 20. Juli 2000;
Stephan Reuter.

 
"Ein Herzinfarkt, ein Sturz aus der Dusche, und schon liegt der 42-jährige Werbetexter Jacques Rockford nackt und nass auf dem Boden. Und betrachtet die Welt aus der Teppichperspektive, die ansonsten Kinder vorbehalten ist. ... Mit den Mitteln des Erzähltheaters, mit Musik und Live-Video (Dominik Beck) wird der Wilde Westen beziehungsweise die Bilder, die wir uns von diesem machen, spielerisch aufs Korn genommen und gründlich hinterfragt. Das endgültige Aus also für all die guten alten Mythen von unerschrockenen Cowboys, staubigen Kakteen und einsamen Farmhäusern? Nicht nur, denn die Präriepriester von "Mass & Fieber" demontieren die vertrauten Bilder nicht nur, sondern spintisieren sie auch weiter und lassen Raum, um ein wenig darin zu schwelgen."

Der Bund, 12. Oktober 2000,
Simone Müller.

 
"Rauchzwang herrscht im Saloon von Tombstone, Arizona. "Es wird keine Helden mehr geben nach den Rauchern", sagt einer. Auf der Videowand gehen dazu die Sterne aus der Prärienacht von Marlboro auf. Hier ist der Wilde Westen tatsächlich das, was er schon immer war - ein Mythos, eine Obsession, eine "Westernprojektion" wie das Stück "Präriepriester" im Untertitel heißt.
Und so geht die Zürcher Theatergruppe Mass & Fieber unter Niklaus Helblings Regie auch damit um: Sie bringt den Wilden Westen als Phantasma des Zivilisierten Westens auf der Bühne. ... Hier werden die Klischees nicht bedient, aber auch nicht blossgestellt. "Präriepriester" wildert vielmehr überall in der Wildwestwelt, wie sie imaginiert wird in Filmen, Comics, Kinderspielen, Songs, Kioskliteratur oder Reklame. Das Stück spielt mit Versatzstücken der Populärkultur und fabuliert daraus unbekümmert kleine Geschichten, die ebenso unvermittelt anbrechen, wie sie aufhören, in einer Kombination aus Theater und Countrykonzert. Und aus Musical und Quiz und Nachrichten und Hollywoodfilm und Wrestlingshow. Wie hier Medien und Genres durcheinander kommen, ist eine große Freude dieser zwei Stunden. ... auch wenn es keine Indianer hat in Tombstone, Arizona: Es ist gut hier.

Der Bund, 14. Oktober 2000, ddf.

 
"Doch beim dritten Absprung ruscht er aus und fällt gar fürchterlich auf die Nase. Helbling nämlich wirft Joschka Fischer zwischen den Zeilen vor, er habe im Kosovo nur den Cowboy spielen wollen. Und dieser Vorwurf ist womöglich genauso dämlich, wie Kriege nur deshalb zu führen, weil man gerne Cowboy spielen will."

Die Welt Hamburg, 27. Oktober 2000;
Stefan Grund.

 
"Ihren eigentlichen Pep verdankt die Show allerdings dem Dutzend Songs sowie der ins Spiel integrierten Band - und vor allem Susi Philadelphia. Von der frustrierten Postbotin mausert sich die rotblonde Fabienne Hadorn mühelos zum unbedarften Farmergirl und zur scharfen und scharf schießenden Rächerin ihres toten Bruders.
Sie schnulzt die Countrysongs im typischen Nashville-Sound genauso gut wie Markus Schönholzer an Banjo und Gitarre. Mass & Fieber ist eine genial kuriose Melange aus Musikern und Theatermachern, von der noch einiges zu hoffen und zu erwarten ist - auch wenn die Gruppe diesmal ihrer Fantasie zu sehr die Zügel schießen ließ."

Hamburger Abendblatt, 27. Oktober 2000,
Klaus Witzelin