MYTHENTAUSCH



VORGESCHICHTE

Altdorf: Tellbühnenensemble

Im Juli 2009 wurde die Schweizer Theatergruppe MASS & FIEBER vom Vorstand der Tellspiel- und Theatergesellschaft Altdorf beauftragt, für das Projekt "500 Jahre Tellspiele Altdorf 2012" eine Gemeinschaftsarbeit mit iranischen Theaterschaffenden in Uri 2012 umzusetzen.

Ihr Interesse an der Zusammenarbeit mit iranischen Theaterschaffenden begründete MASS & FIEBER so:
- Der Iran verfügt über eine lange und außerordentlich reichhaltige narrative und darstellende Kultur, die seit über 100 Jahren auch moderne Theaterformen kennt und praktiziert.
- Aus der Geschichte des Freiheitskämpfers Wilhelm Tell lassen sich Parallelen sowohl zur jüngeren iranischen Revolutionsgeschichte, als auch zu älteren Mythen des Landes ziehen.

Erste Kontakte zur iranischen Theaterszene wurden im Laufe des Jahres 2009 geknüpft, im Januar 2010 reisten Mitglieder von MASS & FIEBER nach Teheran, wo sich am jährlichen Internationalen Fadjr Logo Don QuixoteTheaterfestival einheimische Theaterschaffende mit Theaterleuten aus aller Welt treffen. Von Seiten MASS & FIEBERs gab es bereits ein besonderes Interesse für die Arbeit einer Gruppe, die sie aus Videoaufnahmen kannten: Die Teheraner Theatergruppe DON QUIXOTE, deren mythisch-historische Ansätze der eigenen Arbeit verwandt schienen und deren Theaterformen und Ästhetik beeindruckte.

Das Fadjr Festival bot die Möglichkeit eines Kennenlernens, erste Gespräche mit Regisseur Ali Asghar Dashti und Dramaturgin Nasim Ahmadpour und ein gegenseitiges Vorstellen von Arbeiten und Visionen verstärkten für beide Seiten den Eindruck, dass hier zwei Theaterkollektive aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen ästhetisch-inhaltlich verwandte Ziele verfolgen.

Das Ergebnis war die Verabredung, das Projekt für Altdorf miteinander zu wagen, und zwar unter dem vorläufigen Arbeitstitel eines „Mythentauschs". Tischgesellschaft

MYTHENTAUSCH

Entsprechend dem Wilhelm-Tell-Stoff, der den Aufstand eines Volkes - geführt von einem einzelnen Freiheitskämpfer - gegen ein als Unrecht empfundenes Regime schildert und im Sturz des Tyrannen und der Etablierung eines gerechteren Staatssystems gipfelt, kennt auch die iranische Dichtung eine eigene Variante des Freiheitskämpfers, dessen Geschichte bereits um 1000 n. Chr. im „Buch der Könige" oder „Schanameh" des großen iranischen Dichters Ferdousi aufgeschrieben wurde.

In dieser Geschichte führt Kaveh, ein Schmied, einen Volksaufstand gegen den grausamen Herrscher Zahhak an, der mit Hilfe des Teufels an seine 1000-jährige Herrschaft kam und aus dessen Schultern - eine List des Bösen - zwei schwarze Schlangen wachsen. Täglich müssen diese Schlangen mit dem Hirn zweier Jünglinge gefüttert werden. Als aber der Sohn des Kaveh der Schlange geopfert werden soll, dringt der Schmied bis in den Ratsaal des Zahhak vor, um sein Kind zu retten. Dort ist der König gerade dabei, seine Herrschaft durch die Unterschriften seiner Ratsherren legitimieren zu lassen, und bietet Kaveh einen Tausch an: Dessen Unterschrift auf dem Vertrag im Austausch gegen das Leben des Sohnes. Der Schmied weigert sich, zerreißt das Schriftstück, nimmt seinen Sohn und geht auf den Marktplatz, wo er das Volk zum Aufstand bewegt. Dann bindet er seine Schürze an eine Lanze und begibt sich mit dieser Flagge der Revolte, gefolgt von seinen Anhängern, zum Haus des jungen Edlen Fereydun. Fereyduns eigener Vater fiel durch die Hand Zahhaks, er selbst ist durch göttliche Zeichen von Geburt an zum gerechten Regenten bestimmt. Aufgefordert vom Volk, die Herrschaft zu übernehmen, rüstet er zum Kampf, besiegt Zahhak und wird an seiner Stelle als Herrscher eingesetzt. Zahhak jedoch tötet er nicht, sondern bringt ihn auf Rat eines Engels ins Gebirge, wo er ihn in einen Käfig sperrt und mit Eisenstäben an eine Felswand hängt.

Ein „Mythentausch" zwischen MASS & FIEBER und DON QUIXOTE sieht vor, dass sich beide Gruppen mit dem Freiheitskämpfer-Epos der jeweils anderen Kultur auseinandersetzen und sie in theatralischer Form zur Aufführung bringen. Interessant ist dabei nicht zuletzt, dass sich jede Gruppe so mit einem Stoff befasst, der ihnen fremd ist; zwangsläufig führt dies zu einem Prozess der Annäherung und der gegenseitigen Befragung. Erste Projektschritte haben bereits gezeigt, dass dieser Austausch weit über die mythisch-historischen Stoffe hinausgehen wird, dabei aber immer klar auf ein Ziel gerichtet bleibt: dem Publikum die eigene und vermutlich auch recht eigenwillige Darstellung der Geschichten von Revolution und Identitätsstiftung einer fremden Kultur darzubieten.

Hodler TellTazieh Spiel